Haben Klavierstimmer eigentlich das absolute Gehör?
Nein, zum Glück nicht. Ich höre zwar das Gras wachsen, aber das auch nur, weil ich eine Ausbildung zum Klavierbauer absolviert habe und nicht aus medizinischen Gründen. Die Fähigkeit, Klaviere zu stimmen, ist nicht angeboren sondern eine Frage der Übung. Ein absolutes Gehör ist sogar hinderlich beim Klavierstimmen. Was ist denn ein aboslutes Gehör? Lediglich die Fähigkeit, ohne Vergleichston die absolute Tonhöhe einer Note zu erkennen.
Wenn also jemand auf dem Klavier das C anschlägt, Sie das aber nicht sehen können und auch keinen Vergleichston hören, dann könnten Sie mit absolutem Gehör sagen, dass es das C ist. Oder draußen quietschen die Reifen eines Autos. Leute mit absolutem Gehör könnten Ihnen dann sagen, dass es auf F gequietscht hat, sofern Sie das interessiert. Hinderlich wäre das beim Stimmen, weil nicht alle Klaviere auf den Kammerton A stimmbar sind. Wenn man nun als Stimmer ein Klavier tiefer stimmen muss, dann würde es unglaublich stören, wenn man die absolute Tonhöhe zwar im Kopf hat, diese aber nicht realisieren kann. Hinzu kommt, dass jedes Klavier anders ist und nicht die absolute Tonhöhe entscheidend ist, sondern die Relation zu den anderen Tasten.
Es gibt Klaviere, bei denen man z.B. die Oktaven nicht rein stimmen sollte, sondern etwas höher. Dann klingen die Oktaven in dem Klavier gut, aber jemand mit absolutem Gehör würde das anders empfinden. Die Kunst beim Stimmen besteht darin, nur das eingestrichene A, den Kammerton, genau auf 440 Hertz zu stimmen und alle anderen Tasten dann in Relation zu diesem A zu stimmen. Dabei ist entscheidend, dass sich die Intervalle gut anhören, also die Verhältnisse der einzelnen Töne zueinander. Nicht so entscheidend hingegen sind die absoluten Tonhöhen, die man als Mensch mit absolutem Gehör im Kopf hat.


